Erst zur STORYBOX...
Aus
dem Züritipp des
Tagesanzeigers:
Edgar
Allan Poe hat einmal gesagt, eine gute Geschichte müsse man in
einem Zug durchlesen können. Bezogen hat er dies
übrigens auf
die Länge, nicht auf den spannenden Inhalt. Würde
der Krimi-Autor noch leben, wäre er sicher ein Fan von Heinz
Emmeneggers STORYBOX. In dem Schächtelchen, das ein bisschen
dicker als ein Zigarettenpäckli ist, stecken auf
Karteikärtchen hundert Kürzestgeschichten des Zürchers. Ideal im Zug, an der
Tramhaltestelle,
sogar am Skilift. Ein herziges Mitbringsel für Ungeduldige und
Edgar-Allan-Poe-Fans - und zu einer der beiden Kategorien
gehören
ja schliesslich fast alle. (sl) Aus
dem Magazin des Tagesanzeigers: "Geben
Sie mir fünf Minuten", so lautet die
Kürzestgeschichte Nr.1,
die Heinz Emmenegger, 34 jähriger Akademiker,
Nachtwächter
und Hilfspfleger, verfasst hat. Weitere 49 Geschichten für den
Aufenthalt im Tram oder auf der grossen Brille hatt Emmenegger in
seiner STORYBOX gesammelt. Und nach und nach kommen weitere Texte
über die Hauptfigur Pfister (und "sin Fru") in Zehnerportionen
hinzu. Und später vielleicht ein
Roman?
(ram.)

Aus
dem Facts:
Nie mehr um eine Geschichte
verlegen ist der Besitzer eines
STORYMATS des Künstlers Peter Löble. Gegen Einwurf
eines
Frankens spuckt der Automat zehn Erzählungen aus. Geschrieben
hat
die Kurzgeschichten der Autor Heinz Emmenegger. Bezugsquelle: Friends
of Carlotta, Zürich. Aus
der Annabelle: Der STORYMAT von Heinz
Emmenegger spuckt gegen Einwurf von
einem Franken die jeweils neuesten zehn Kurzgeschichten aus. Die
kreditkartengrossen Geschichten lassen sich wiederum in der eigens
dafür konzipierten STORYBOX aufbewahren und sammeln. Die
homöopathische Dosis Literatur mit Witz lässt sich
über
"Friends of Carlotta" beziehen, wo auch der STORYMAT steht.
Aus
dem Forecast: Da ist man am Campen, hockt
vor dem Zelt und langweilt sich.
Buch vergessen, Zeitung vergessen, Walkman vergessen. Frau vergessen.
Nur das Zelt und Sie, LeserIn. Und die STORYBOX. Die Rettung. Das
Zigarettenschachtel grosse Päckchen beinhaltet
fünfzig
Kärtchen mit je einer Kürzestgeschichte.
"Sehen Sie diese Wolke da?
Das bin ich." "Sie spassen." "Nein, nein, das bin ich
wirklich." "Na schön, Sie
meinen so als Metapher." "Nein, nein, keine Metapher,
ich bin es wirklich." "Na also, Sie spinnen ja,
was soll das. Sie stehen doch neben
mir. "Nein, nein, ich bin die
Wolke da. Sie meinen nur, ich stehe
neben ihnen. Mit Verlaub, Sie beleidigen mich."
"Na he, Sie beleidigen mich.
Sie verarschen mich ja auf das
Schlimmste. ` Ich bin eine Wolke`, so ein
Stuss." "Wetten?"
"Wetten mit einer Wolke?"
"Na endlich." Zurück in zivilen
Gefilden liegt die Fortsetzung der
Geschichtensammlung im STORYMAT. Gegen Einwurf eines Frankens spendet
die witzige Maschine die zehn neuesten von Heinz Emmenegger
geschriebenen Episoden. Und die Storys sind lustig, unterhaltsam und
knallen. Ist doch heiss.
...und nun zum PFISTER
Aus
der Aargauerzeitung:
...sein Stil ist eigensinnig. Emmenegger beschreibt die Charaktere
in seinem ersten Roman
PFISTER, der als Auftakt einer Serie konzipiert ist
präzise:
Wie Bauklötze setzt er die Wörter und Sätze aufeinander, sodass ein
Eindruck der Person oder Situation entsteht wie in einem kubistischen Gemälde.
Der gane Artikel als PDF
| © Neue Zürcher
Zeitung; 18.02.2006; Nummer 41; Seite 75 PDF
Seite 1
2 3
Zeitbilder Der
Planktonfischer Augen zu: Fünf
Minuten
Blindfahrt durch
die Ostschweiz. Der Planktonfischer will den Standort des
Gewässers nicht preisgeben. Augen auf: Kühe, Mais,
Weiden,
weiter weg ein Gehöft. Das Gewässer mittendrin ist
voller
Plankton, Wasserflöhe stossen sich ruckartig durch ihr
Lebenselixier. Wasserflöhe sind Plankton, aber Flöhe
sind sie
nicht. Wasserflöhe sind Kleinkrebse, Süsswasserkrill,
einen
bis drei Millimeter gross, blutrot und im Sommer die Beute von Marc
Zeier, dem Planktonfischer. 
Plankton
ist eine Art zu leben, die uns Landbewohnern etwas fremd
geworden ist oder zumindest fremd erscheint, da wir uns der obersten
Ebene der Fresskette im Wasser doch viel näher
fühlen:
wendigen, hübschen Fischen, die Beute suchen und mit einem im
Fischhirn gut kalkulierten Flossenschlag sich ans Opfer heranbringen,
um danach zu schnappen. Plankton aber heisst schweben, sich treiben
lassen, immerzu filtrieren und selbst filtriert werden, hiesse
für
uns aufrechte Wirbeltiere vielleicht zappen und shoppen, surfen und
googeln und nicht erfinden und produzieren. In diese dahintreibende
Welt senkt der Planktonfischer sein Netz und fischt einen kleinen Teil
davon ab. - Als Marc Zeier vor vierundzwanzig Jahren am Anfang seiner
Künstlerkarriere stand, erhielt er das Angebot, sich ein
Zweitleben zuzulegen. Er wurde Planktonfischer und kaufte seinem
Vorgänger Material, Wissen und Bewilligungen ab. Viele Jahre
lang
hat er Kunst und Plankton auseinander gehalten, obwohl seine
Installationen und Videos sowie das Soundprojekt
«G*Park»
immer wieder Natur in Farben und Tönen ab- und umbilden. Erst
in
jüngster Zeit durften die kleinen Krebse in seinem Atelier
Einzug
halten. Mit speziellen Mikrofonen hat er ihren Gesang und ihr Geschabe
aufgenommen. Für eine der daraus entstandenen Installationen
belohnte ihn die Stadt Zürich denn auch prompt mit einem Preis.
Plankton macht also Krach. Am lautesten benehmen sich die Krebse im
Plankton, darunter als bekanntester und grösster Vertreter der
Krill aus den südlichen Meeren, Futter für Wale,
Robben und
Pinguine. Plankton sein heisst sich nicht oder wenig gegen horizontale
Wasserströmungen durchsetzen können. Und das trifft
auf viele
Organismen aus allen Klassen zu. Bakterien sowie pflanzliche und
tierische Einzeller, Algen oder Rädertiere, sind die kleinsten
Plankter und stehen sowohl am Anfang der Nahrungskette als auch am
Anfang der Evolution. Es kommen Mehrzeller dazu, Verbände von
Algen, einfache Wirbellose, Würmer, Krebse und als
grösste
Plankter die Quallen. Ferner verbringen die meisten Fische und
höheren Krebse in Form von Eiern und Larven ihre Kindheit als
Plankton, ehe sie genügend gross und kräftig sind, um
aus
eigener Kraft durchs Wasser zu pfeilen, worauf sie dann Nekton genannt
werden. Nekton ist Leben, das sich selbst in die Flossen nimmt und
Ahnungen hat, wenn es in Netze oder an Haken gerät, wo es sich
zuweilen heftig wehrt und den Angler zum Sportler werden lässt.
Wasser bietet kleinen Lebewesen mehr Widerstand als grossen, darum
bewegen sich Einzeller im Wasser wie in Honig. Dementsprechend sinken
sie nicht so rasch ab wie die grösseren Lebewesen. Sinken und
Steigen sind für sie essenziell. Sinken kann einfach den Tod
bedeuten für Plankter, die zu wenig Auftriebshilfen haben wie
zum
Beispiel Gasblasen oder Fortbewegungsmittel wie Geisseln oder Beinchen.
Sinken kann aber auch Überleben bedeuten, wenn die Winzlinge
dadurch Räubern entgehen.
Phytoplankton sucht tagsüber die Oberfläche, um Sonne
zu
tanken, Zooplankton steigt eher nachts auf, um Ersteres zu fressen.
Tagsüber wartet es in der Tiefe und begnügt sich mit
dem, was
von oben herabsinkt.
Den Winter verbringt der Wasserfloh in Eiform, wenn es sein muss,
jahrzehntelang, was den Zusatznutzen hat, dass ein warmer
Frühling
verschiedene Generationen sexuell vereint und für gute
genetische
Durchmischung sorgt. Den Sommer hindurch vermehrt sich das
Wasserflohweibchen durch Parthenogenese; es entlässt aus
seinem
Bauch unbefruchtete Eier, was bedeutet, dass das geheimnisvolle
Gewässer im September voller Klone ist, denen in diesem Wasser
kein Fisch nachstellt. Nur dem Planktonfischer müssen sie
Tribut
zollen. Er zieht sein feinmaschiges Netz durchs Wasser und
schöpft
ein paar Kilo ab. Im Netz hocken oder stehen oder liegen sie dann alle
aufeinander, bilden eine feuchte, körnige Masse und werden
sogleich in ein Wasserbecken und später zum Transport in gelbe
Kanister abgefüllt, in der Tierhandlung in
Styroporbehältern
aufbewahrt, dann portionenweise in Wassersäcklein
geschüttet
und schliesslich von einem Aquarianer bunten Zierfischen zum Frass
spendiert.
Im Winter, wenn die Wasserflöhe als Eier im Schlick stecken,
füllt der Planktonfischer seine Netze mit Ruderfusskrebsen.
Die
sind etwas kleiner als die Wasserflöhe, sehen aber krebsiger
aus.
Ruderfusskrebse reagieren empfindlich auf Temperaturschwankungen.
Tagsüber lassen sie sich absinken, in der Nacht kommen sie
hoch.
So muss der Planktonfischer im Winter sehr viel früher
aufstehen
und im Dunkeln seine Netze durchs Wasser ziehen.
Für die verschiedenartigen Gewässer, die der
Planktonfischer
aufsucht, hat er auch verschiedenartige Methoden des Befischens. Am
Weiher benützt er einen feinmaschigen Kescher an einer Stange.
Im
flachen Uferbereich eines Sees schlägt er einen Metallpfahl in
den
Grund, der als Auflage für eine etwa zehn Meter lange Stange
dient, mit der er das Netz langsam im Kreis durchs Wasser zieht. Am
Fluss lässt er reusenartige Netze in der Strömung
treiben. 
Als professioneller Planktonfischer ist Marc Zeier der einzige weit und
breit. Konkurrenten kamen und gingen. Zwar beschaffen sich Aquarianer
ihr Frischfutter gelegentlich einmal selbst, sie gehen zum
«Tümpeln», aber Marc Zeier tut es
regelmässig. Er
muss immer eine Fangstelle zur Hand haben, um seine Kundschaft
beliefern zu können, und er hat dabei mit den Launen der Natur
zu
kämpfen wie Algenblüten, unterschiedlichen
Wasserständen
oder Strömungsänderungen,
Föhneinbrüchen und
Bisenlagen. Rasch kann dem Süsswasserkrill die Freude am
Schweben
und Filtrieren genommen werden.
So ist das geheimnisvolle Gewässer für den
Planktonfischer
erste Wahl und sogar hin und wieder etwas zu pflegen. Früher
gab
es in der Schweiz viel mehr Kleinstgewässer,
natürliche und
künstliche, die als Stau- oder schlicht Entsorgungsbecken
dienten
und entsprechend nahrungsreich waren. Auf der Suche nach
Fanggründen hat Zeier schon oft nicht mehr existierende Teiche
und
Tümpel angepeilt, die auf älteren Karten noch
verzeichnet
waren, aber nun verlandet sind oder entwässert wurden. Und so
ist
der Standort des einen oder anderen noch verbliebenen
Gewässers
sein Geschäftsgeheimnis. Dem Zoohändler in der Stadt
will er
ganz sicher nichts verraten, und sogar seine Freundin weiss nicht
über alle Fangstellen Bescheid.
Nicht jede Fangstelle ist so geheimnisvoll, Plankton findet sich in
fast allen Gewässern. Es lässt sich im Fluss fangen
oder in
ein paar Metern Tiefe im See. Der Planktonfischer braucht einfach eine
genügend grosse Konzentration davon. Und wenn er sie gefunden
hat,
ist behutsames Einfangen gefragt. Süsswasserkrill kann
nämlich sehr wohl ausweichen, und zwar nach unten.
Tatsächlich füllt sich das Netz bei jedem Durchgang
etwas
weniger. Der Krill im Meer hat noch mehr
Bewegungsmöglichkeiten,
ist auch grösser, er misst einige Zentimeter und ist darum
eigentlich schon Nekton. Aber die Wasserflöhe sind ebenfalls
recht
aktiv und bilden Wirbelmuster, wenn man sie stört. Je
länger
der Planktonfischer Plankton fischt, desto mehr wird es für
ihn
zum Nekton, steigt ihm entgegen, kommt ihm näher und schaut
ihn
gar durchs Mikroskop mit grossen Augen an. Das Netz spült er
jedenfalls sorgfältig aus, damit kein Wasserfloh in der
Kuhweide
verendet oder einsam im Laderaum vertrocknet, während seine
Klone
im frischen Bachwasser in den gelben Kanistern herumschweben und durch
die schöne Ostschweiz kutschiert werden.
Ohne Plankton läuft im Wasser nichts. Pflanzliches Plankton,
vor
allem Algen, produziert fast gleich viel Sauerstoff wie die
Landpflanzen, und da Eisen ein limitierender Faktor für das
Wachstum von Phytoplankton ist, wurde auch schon daran gedacht, die
Weltmeere mit Eisen zu düngen, um Phytoplankton besser
gedeihen zu
lassen und als CO2-Depot zu nutzen. Der grösste Teil des
Stoffumsatzes im Plankton wickelt sich in der mikrobiellen Schleife ab,
also zwischen Algen und Bakterien. Die grösseren Formen, die
Mehrzeller, Würmer, Eier, Larven und Krill, bekommen von
diesem
grossen Fressen im Nanobereich gar nichts mit.
Nicht Beissen und Packen, sondern Strudeln und Filtrieren ist die
bevorzugte Fresstechnik im Wasser. Wale sind die grössten
Filtrierer. Ein Blauwal vertilgt in den Sommermonaten täglich
eine
bis drei Tonnen Krill. Auch all die Korallen, Polypen, Würmer,
Schnecken, Seesterne und sonstigen Stachelhäuter und Hohltiere
filtrieren, ebenso des Planktonfischers Wasserflöhe und
Ruderfusskrebse. Pausenlos bewegen sie kleine Borsten am Kopf und
strudeln Wasser und damit die nächstkleinere Klasse Plankton
heran. Sie bewegen sich halt doch selbst wie Nekton vorwärts,
um
frisches Wasser und damit frische Nahrung um sich zu haben.
Strudeln heisst also vor allem, die Umgebung wechseln, den Honig
wegdrücken und neuen heranschaffen. Auch der Planktonfischer
muss
dies tun, auf seine Weise: Er bewegt sich durch leichte Luft.
Drückt ein Pedal und fährt bequem auf Rädern
über
Land, hinten die Kanister voll Wasser, darin Plankton, das sich langsam
zu Fischfutter wandelt. Wenige Kilo Futter transportiert er in vielen
Kilo Wasser in schon sehr vielen Kilo Metall in hässliche
Agglomerationen, wo sich Menschen einzeln als Nekton in Shoppingcenter
begeben, um als Plankton gemeinsam Waren zu strudeln, tote Fische zu
kaufen, die sie essen, und lebendige, die sie anschauen und
füttern, meist mit Trockenfutter, aber hie und da mit
frischem,
gesundem Lebendfutter aus des Planktonfischers
frühmorgendlichem
Fang. All dies legen die Menschen in metallene Netze auf
Rädern
und bilanzieren an der Kasse, fahren ihr Strudelgut nach Hause, um es
dort den lebendigen, bunten, von weit her gereisten Fischen ins Wasser
zu schütten, die es sofort und gierig fressen, alle Klone
ratzeputzen. Oder aber die Menschen geniessen ihre oberste Position in
der Nahrungskette und legen sich eine herrliche Forelle blau auf den
Teller. Eigentlich sehen sie recht appetitlich aus, die
Häuflein
Plankton, die im Netz des Planktonfischers liegen. Und es ist
wunderbare Nahrung, nicht nur für afrikanische und
südamerikanische Zierfische in Aquarien oder schön
gestreifte
Zürisee-Egli, sondern zweifellos auch für den
Planktonfischer
und mich. Japaner fischen Plankton, Krill, machen Paste daraus, essen
diese und leben lang. Noch liegen die Fänge weit unter den
erlaubten Quoten, und Krill gibt es wahrlich viel. Sollte es aber eines
Tages so weit kommen, dass die ganze Welt aus Not oder Gier sich Krill
strudelt, dann wäre eine solche Überfischung viel
verheerender als die Dezimierung von Kabeljau und Konsorten. Der
Nahrungskette würde eines der ersten Glieder entfernt.
Obwohl die Krillfischerei noch nicht in schädigendem Umfang
ausgeübt wird - das Interesse daran wächst. Immer
mehr
Nationen versuchen sich darin und fangen Krill nicht als
Menschennahrung, sondern als Futter für Fische und
für
Landtiere. Schliesslich hat auch die Pharmazeutik im Krill interessante
Stoffe entdeckt. Das Fangen selbst ist etwas anspruchsvoller als der
Fischfang. Kleinmaschige Netze sind schwerer durchs Wasser zu ziehen,
das zeigen die Schweissperlen auf der Stirn unseres doch recht
sportlichen Planktonfischers, und die Tiere werden bei grossen
Fangmengen schnell zerdrückt, weshalb man sie schon im Wasser
vom
Netz ins Schiff absaugt.
Dem Krill könnte jedoch die Klimaerwärmung viel
stärker
zu schaffen machen. Treibende Eisschollen scheinen ihm wichtige
Brutplätze zu sein. Tatsächlich hat man eine Abnahme
der
Krillmenge in den letzten Jahren festgestellt. Das wird den Walen,
Robben und Pinguinen gar nicht gefallen.
An den Gestaden des heimischen Süsswassers erfüllen
die
gelben Kanister den Planktonfischer mit Freude, die grünen
begeistern ihn gar. Nicht die Füllung, diese zuweilen auch,
doch
die Kanister selbst haben es ihm angetan. Die Farbe, das Material, das
Alter, denn die grünen Exemplare sind fast vierzig Jahre alt,
bester dicker Kunststoff, saftig grün immer noch. Die andern
Werkzeuge, Pumpe, Stangen und sogar die Netze, weisen ebenfalls ein
beachtliches Alter auf. Zu den gelben Kanistern assortiert sich der
Planktonfischer mit einem blauen Käppi. Auch sein Lieferwagen
ist
ihm ein wichtiges Werkzeug, und er erzählt Geschichten von
dessen
Vorgängern, grossen Amerikanerwagen mit einem speziell
angefertigten Anhänger für die Kanister, was das
Manövrieren im Gelände natürlich schwieriger
machte als
mit dem kompakten Lieferwagen.
Wertvolles Material auf des Planktonfischers Verteilreise mit der
schwebenden Beute hintendrin sind auch die Käsewähe
aus der
Bäckerei in Dübendorf oder im Herbst die Trauben, die
an der
Ausfahrt beim Garagisten und Hobby-Aquarianer wachsen. Und
natürlich behandelt der Planktonfischer die Käufer,
die
Zoohändler, mit grosser Sorgfalt - einer Sorgfalt, die ihm
überhaupt eigen ist und der etwa die Kanister ihr langes Leben
verdanken. Es ist die Sorgfalt eines Menschen, der keine Berufskollegen
hat, mit denen er sich austauschen oder konkurrieren kann. Ganz allein
fährt er seine Ausrüstung in der dunklen Nacht durch
die
Landschaft. Mit seinen Gerätschaften, den Kanistern, Netzen,
Seilen, der Pumpe, und dem Auto ist er bei jedem Wetter unterwegs, um
Geld zu verdienen.
Die wenigsten Zoohändler wissen vom anderen Leben des
Planktonfischers, von seinem Künstlerdasein, worin man
ebenfalls
oft auf sich gestellt ist, aber immerhin in einem
«Kuchen»
verkehrt. Und die wenigsten machen den Eindruck, als ob das
für
sie von Interesse wäre. Auch das Planktonfischen selbst
interessiert sie nur mässig; von all dem betriebenen Aufwand
wollen sie lieber nichts wissen, vielleicht aus reinem Selbstschutz, um
guten Gewissens den Preis drücken zu können.
Eine Zoohandlung, selbst eine mit Aquarien und Fischen drin, hat meist
diesen etwas provinziell bünzligen Charme, der scheinbar keine
Rücksicht auf Farbe und Form nimmt, sondern ein grosses
Mischmasch
produziert, erfüllt von Trockenfuttergeruch. Die Fische sind
das
mit Abstand Schönste darin und bisweilen überaus
faszinierend. Es ist eine Welt, wo Schönes und Wohlgeordnetes
in
oft geschmacklosen Gefängnissen gehalten wird.
Das setzt sich in der Umgebung der Zoohandlung fort, häufig
Einkaufscenter, gut erreichbar mit dem Auto, damit die zumeist grossen
Gerätschaften abtransportiert werden können. Es sind
Orte,
die immer wieder von neuem faszinieren durch ihre Unansehnlichkeit, vor
allem in einstmals so schönen Landschaften, wie sie um das
geheimnisvolle Gewässer herum noch in ursprünglicher
Art zu
finden sind.
In ihrem etwas provisorischen Stil präsentiert eine
Zoohandlung
nicht nur die Ware, sie verkauft auch Infrastruktur zu deren Erhalt und
zeigt ihre eigene ziemlich hemmungslos. Allerlei Schläuche und
Pumpen quellen und surren, um das Leben frisch und gesund zu erhalten.
Dazwischen schwimmen im Plasticsack die Wasserflöhe des
Planktonfischers. Eine Zoohandlung lebt davon, Leben zu verkaufen. Und
vielleicht sind Zoohandlungen die heimlichen Inspirationsquellen von
Science-Fiction-Autoren.
Ob der Planktonfischer in seinem andern Leben eines Tages die
Schönheit der Zoohandlungswelt dar- oder umstellen wird? Er
ist
vielleicht schon auf dem Weg dahin, denn seine prämierte
Installation umfasst einen Tisch mit darauf abgelegten Fischerstiefeln,
zwei algengrünen Probegläsern und zwei Monitoren; im
einen
zieht der Planktonfischer im Dunkeln schemenhaft seine Netze hoch, im
andern strudeln die Krebslein im Infrarotlicht. Zwei Kabel
führen
unter den Tisch zu Lautsprechern, eingebaut in zwei der so
geschätzten gelben Kanister, die einen wunderbaren
Resonanzraum
abgeben für das Geschabe der Krebse. Und wenn er eines Tages
den
Arbeitsgang fortsetzt und bei der Darstellung der Zoohandlung
angekommen ist, lässt sich vielleicht daraus etwas Trost
gewinnen
über den Verlust der Schönheit, die unsere Vorfahren
noch in
ihrer Landschaft vorfanden und die wir mit architektonischen und
infrastrukturellen Sammelsurien bedecken, die offensichtlich ohne
Zusammenhalt sind, keine Ordnung ergeben, haltlos und daher
hässlich erscheinen.
Es ist die Freiheit, die mit der Schönheit wetteifert und
diese
durcheinander bringt. Es ist die Autobahn in die Ostschweiz, die Dinge
und Leben versetzt, die Mahlstrom wird für Plankton wie
Wasserflöhe und Nekton wie den Planktonfischer. Die Strasse,
der
nahe Flughafen und die Eisenbahn sind es, die fremde Materialien und
fremde Ideen, fremde Fische und fremde Wasserflöhe ins
Shoppingcenter der Agglomeration spülen, wo sich alles neu
zusammenstellt über den Parkgaragen und zwischen den
Notausgängen.
All diese Gebäude und Verkehrswege werden aus Gebirgen
herausgegraben und als Schotter, Sand oder Pulver auf Wegen
abtransportiert, die aus denselben Gebirgen herausgeschlagen wurden.
Angekommen in den neu zu besiedelnden Gebieten, werden die
planmässig herangestrudelten Gebirgsteile ebenso
planmässig
zu grossen Strudeltempeln aufgebaut und durch gut gelenkte
Warenströme möglichst lange frisch gehalten. Der
Planktonfischer, der die gebauten Hüllen mit Fischfutter
belebt,
sucht als Künstler gern die im Gebirge
zurückgelassenen
Fehlstellen auf, nämlich die künstlichen
Höhlen eines
Steinbruchs. Darin wirft er Steine herum und notiert die Resonanz mit
Mikrofonen oder widmet sich dem Aufprall eines Wassertropfens nach
seinem Fall durch den herausgehauenen Raum. Ein Tropfen, der
Stalagmiten bilden hilft, die die Höhlen langsam wieder
füllen werden, oder der Wellen schlägt im Tropfenmeer
am
Höhlenboden und dem Künstler dies ebenfalls durchs
Mikrofon
mitteilt. So strudelt der Planktonfischer auch als Künstler
gern
in Feuchtgebieten, strudelt Geräusche, Klänge und
Bilder, um
die Beute zu Hause im Atelier in neue Schwingungen zu versetzen und sie
als Ton- und Videokunstwerke in musische Gefangenschaft zu
führen.
Ein paar Wochen später macht ein Bachwasser dem
Planktonfischer
gar keine Freude. Es ist morgens um fünf, kalt und feucht.
Sturmlampen blinken, als er etwas vor sich hin fluchen muss beim
Betrachten der Ausbeute, die er eben an einem Seeausfluss abgefischt
hat. An einer über den kleinen Fluss gespannten
Seilkonstruktion
hat er drei Netze wie übergrosse Zwergenkappen im Wasser
treiben
lassen und nach einer halben Stunde ein erstes Mal wieder hochgezogen.
Der tiefe Wasserstand hat die Netze nur unvollständig sinken
lassen. Ihre runden Öffnungen, von Metallreifen bis zu einem
Meter
Durchmesser aufgespannt, ragen aus dem Wasser, so dass Schilf in die
Netze treibt. Und unter dem Schilf zeigt sich zu allem
Überdruss
bloss ein kleines Häuflein Plankton, vermischt mit
Pflanzensamen.
Es sind hauptsächlich Ruderfusskrebse, die Winterbeute. Noch
dreimal senkt er die Netze ins Wasser, und immerhin füllen sie
sich mit etwas mehr Futter für all die Zierfische in den
schön geheizten Stuben der Aquarianer.
Schwimmt später das Plankton in den
Styroporbehältern, ahnt
keiner, was es alles brauchte, um es zu fangen und auszuliefern. Wie
viel ungemütliche Arbeitszeit, vor allem im Winter, und welche
Launen der Natur dabei in einen regelmässigen Ertrag
verwandelt
werden müssen. Darum haben die Gerätschaften stets
funktionstüchtig zu sein, ihrem Alter zum Trotz. Der
Planktonfischer ist eng mit ihnen verbunden. Jeder Arbeitsschritt hat
sich ihm eingebrannt. Und mit Schrecken denkt er daran, dass er eines
Tages den alten, zerbeulten Messbecher vergessen könnte.
PDF
Seite 1
2 3 |
©
Neue Zürcher Zeitung; 30.04.2005; Nummer 100; Seite 75 PDF
Seite 1
2 3 Zeitbilder Hans
Blumenbär oder die Liebe zu Ja und Nein
An
der Kellerwand drei Taucheranzüge, im Schrank
gegenüber ein
Fechtgewand. Im Gestell Kabel und elektronische Apparate aller Art. Die
Wohnung, sauber und aufgeräumt, bietet Platz für
Schuhe,
Kleider, Papiere, Lebensmittel, Kochutensilien, Geschirr, Besteck,
Bett, Tische, Stühle, Sofa, einen zentral postierten Computer
und
einige sehr geschätzte Blumen. Hans Blumenbär liebt
Blumen,
Frauen, Männer und auch Kinder, spaziert gern herum und mag
es,
endlos zu schwatzen. Die Schwatzhaftigkeit hat der Blumenbär
vom
Vater geerbt, und er findet es eine unangenehme Hypothek. Dabei ist er
ein charmanter, intelligenter und einfühlsamer Begleiter in
allen
Lebenslagen. Hans Blumenbär heisst nicht so, ist aber einer.

Hans
Blumenbär beherrscht C, C++, Visualbasic, PHP, Java und
ColdFusion
recht gut, andere Programmiersprachen bloss etwas. Visualbasic mag er
nicht, zu wenig eindeutig, nicht die Exaktheit, die einen guten
Nachvollzug erlaubt. C und PHP schätzt er schon mehr. Pascal
und
Fortran braucht er nicht, das ist was für pensionierte
Techniker,
und Hans Blumenbär programmiert vor allem Webseiten. Fortran
wurde
1953 in die Welt gesetzt und steckt vielleicht in einer altmodischen
Planetensonde, einfach, klar, prozedural. Eine objektorientierte und um
Jahrzehnte modernere Sprache wie C++ beschreibt erst Objekte,
hängt diesen Attribute und Methoden an, lässt die
Objekte
dann zusammenkommen und miteinander arbeiten. Fortran geht seinen Weg
straight ahead. Der Fortran-Programmierer ist Wegmacher und
lässt
dann die Daten darüber sausen oder kriechen. Der
C++-Programmierer
entwickelt eine Art Figur, die er mit andern Figuren interagieren
lässt. C++ ist sehr wahrscheinlich auch die Sprache Ihres
Betriebssystems.
Die heutigen Programmiersprachen haben ihre
Ursprünge in den vierziger Jahren. Computer kennen nur das
Entweder-Oder, die Eins und die Null. Die direkte Beschreibung eines
Programms in diesem Binärcode nennt man Maschinensprache.
Diese
findet sich im Stammhirn eines jeden Computers. Maschinensprache bringt
sowohl die Gattung wie das Einzelgerät erst in Betrieb und
hält diesen aufrecht. Auch alle weiteren Programme und
Prozesse
sind schliesslich immer mit der Maschinensprache verknüpft. Um
es
für menschliche Programmierer etwas komfortabler zu machen,
wurden
erst Assemblersprachen entwickelt, die Befehle für
Maschinensprache in Symbolen darstellen. In der nächsten
Sprachgeneration wurden Sprachen entwickelt, die der menschlichen
Verwaltung den Bezug zur Maschinensprache weitgehend abnehmen und eine
lediglich sprachlogische Anwendung verlangen, bei der es aber auch
weiterhin nur ein Entweder-Oder gibt. Hier erscheint nun Fortran als
Sprache für numerische Berechnungen, als Sprache der
Techniker,
der Sondenbauer und Raumfahrer, heute stilisiert und persifliert als
Programmiersprache für Programmiermachos. Diese
Technikersprache
bekam Anfang der sechziger Jahre ein Pendant: Cobol, die Sprache
für Verwaltungsrechner, entwickelt von einem Frauenteam, das
Grace
Hopper leitete, eine der wenigen bekannten Frauen in der Szene der
Sprachentwickler. Auch der Schweizer Niklaus Wirth lieferte Ende der
sechziger Jahre mit Pascal eine wichtige Sprache, die, erst als
Schulsprache gedacht, in Grosscomputern Einzug hielt. Die Siebziger
beschäftigten sich mit neuen Sprachen, die anwenderfreundlich
sein
sollten. Die Benutzeroberflächen mussten beschrieben und
kontrolliert, Datenbankzugriffe vereinfacht werden. Die Forschung zur
künstlichen Intelligenz produzierte Expertensysteme wie
Prolog. Es
kamen die Achtziger und die objektorientierten Sprachen, teils aus
alten Sprachen entwickelt wie C++ aus C, teils neu wie Java oder Visual
Basic, die durch eine Art Zellbildung, Objekte genannt, die
Sprachevolution wieder ein grosses Stück weiterbrachten und
die
Begriffe Kapselung und Vererbung gebaren.
Für Hans
Blumenbär ist dieses Theater der Objektfiguren etwas schal
geworden. Sonden mit Fortran drin baut er sowieso nicht, er schaut in
den Nachthimmel und träumt vom Herrgott und von all den netten
Menschen um ihn herum. Und die C++-Objekte mit ihren Attributen,
Funktionen und Methoden haben bis heute noch nicht jenen Esprit, der
eine Sinnlichkeit bewirkt, wie Hans Blumenbär sie halt braucht.
Was
die Informatiker heute in die Welt setzen, sind Turingmaschinen, nach
dem Mathematiker Alan Turing (1912-1954) benannt. Turingmaschinen
lösen alle für sie lösbaren Probleme.
Unlösbare
Probleme bringen sie oder Teile davon zum Absturz, den man als
Halteproblem bezeichnet. Turingmaschinen sind streng rationale Systeme,
die in sich komplett determiniert sind. Darum sind all die obigen
Sprachen Fehlern gegenüber nicht tolerant. Programmierer haben
den
Ehrgeiz, funktionierende Turingmaschinen zu schaffen, also fehlerlos zu
schreiben. Das Halteproblem bedeutet, dass die Welt nicht
vollständig rational erfasst werden kann, weil und solange ein
Halteproblem auftritt, und dieses tritt bis anhin immer auf, da die
Welt noch zu keinem Ende gekommen ist.
Hans Blumenbär schreibt
zurzeit lieber poetische Texte. Er liebt Blumen, schön
gekleidete
Frauen und das Betrachten der von Frauen eingerichteten
Innenräume; er mag Beziehungsprobleme und
Beziehungsglück,
will lieber lächeln und Händchen halten. Hans
Blumenbär
ist ein Traummann, er hört zu und gibt Antwort, hält
und
lässt los; er überwindet jedes Turingsche
Halteproblem mit
einem zuversichtlichen Lächeln. Dabei wagt er einiges,
verschuldet
sich mit unverbesserlichem Optimismus, kann aber auch in kurzer Zeit
viel Geld verdienen und sehr spendabel sein, ohne gleich den Kopf zu
verlieren. Hans Blumenbär kann tauchen, segeln, fechten,
Aikido,
wandern, aber nicht Auto fahren, dafür kochen und
wahrscheinlich,
dies etwas extrapoliert, gut kuscheln. Hans Blumenbär ist, wie
fast alle für Frauen guten Männer, klein und etwas
fest
gebaut, aber sehr straff und beweglich. Er hat ausser der
Turingmaschine auf seinem Schreibtisch noch eine Rudermaschine im Haus.
Damit kann er bei Bedarf ein paar Kilo abarbeiten. Spricht man mit Hans
Blumenbär über Beziehungsfragen, kann er den
Programmierer
nicht immer verstecken. Da fallen Wörter wie Interrupts oder
Ping,
der Begriff für das Anklopfen eines Computers bei einem andern
Computer.
Programmierer sind Fachleute für Beziehungen und
deren Management vom Binärcode bis zum Konferenztisch der
Geschäftsleitung. Sie beschäftigen sich den ganzen
Tag damit.
Wunderbar ist zum Beispiel der Begriff der Nebenläufigkeit,
ein
Begriff, den sich frustrierte Frauen von Programmierern merken sollten.
Auch hübsch ist die Kapselung. Gekapselt werden Objekte, damit
sie
sich nicht gegenseitig ins Gehege kommen. Und schliesslich
können
Objekte ihre Eigenschaften an andere Objekte vererben, ebenfalls ein
Familien-relevantes Thema. Wer vereinnahmt da wen? Die
Programmiersprachen die Normalsprache oder andersrum? Die Beantwortung
solcher Fragen könnte vielleicht beim Subjekt zu finden sein
und
bei der Annäherung der Informatik an die Philosophen des
Idealismus im 18. und 19. Jahrhundert.
Im frühen 19.
Jahrhundert lebte auch Lady Ada Countess of Lovelace, Tochter Lord
Byrons und Assistentin von Charles Babbage, der die ersten, noch ganz
mechanischen Computer plante, sie aber nie bauen konnte. Ein
Teilnachbau seines grössten Vorhabens, der hausgrossen
Analytical
Engine, bewies deren Funktionsfähigkeit. Das
Rechenungetüm
wäre von einer Dampfmaschine angetrieben worden und
hätte
funktioniert wie ein moderner Computer, bloss mechanisch anstatt
elektronisch. Lady Ada war für die Übersetzung der
Betriebsanleitung zuständig. Dabei erkannte und beschrieb sie
die
Möglichkeiten einer flexiblen Programmierung
unabhängig von
der Maschine selbst, das heisst, sie entwickelte im eigentlichen Sinne
Software und wurde so zur Urmutter aller Programmierer. Ada, die nach
ihr benannte Sprache, wird vor allem vom US-Militär benutzt,
steuert aber auch die Ariane-Raketen.
Ein Besuch am Institut
für Informatik der ETH Zürich zeigt, dass Lady Adas
Geschlechtsgenossinnen heute nicht sonderlich stark an dieser
Wissenschaft interessiert sind. Die Vorlesung über Prinzipien
des
Concurrent Programming wird von knapp dreissig jungen Herren besucht.
Dabei wird die vermeintlich ureigenste Domäne aller Frauen
thematisiert: Beziehungen. Der Herr Referent erläutert
Algorithmen, die ein konfliktfreies Abarbeiten von zwei oder mehreren
Rechenprozessen in einem einzigen Rechner darzustellen versuchen. In
der Pause lassen sich in den Gängen durchaus noch einige
Studentinnen entdecken, etwa zehn Prozent mögen es sein. In
südeuropäischen und asiatischen Ländern sind
es
scheint's sogar bis zu fünfzig Prozent.
Hans Blumenbär
will Bootsbauer werden. Händchen halten, Planken schleifen und
ein
kontrolliertes Stück Verlust der Kontrolle über die
Dinge,
die man da schafft, das will er. Hans Blumenbär ist
passionierter
Segler, selbst im November legt er sich an mit Wasser und Wind. Er ist
dieser Verrückte, den Sie ganz allein in einem kleinen
Einmannsegler auf dem See herumkurven sehen, während Sie die
Handschuhe ausziehen, um Marroni zu essen.
Kann künstlich
geschaffene Intelligenz ohne Händchenhalten und ohne
Gefühl
für die Kraft der Elemente wirklich funktionieren? Brauchen
künftige Roboter als uns vielleicht ebenbürtige Wesen
allenfalls nicht nur Beine, Sensoren und Strom, sondern auch zwei oder
drei Geschlechter, um richtig kreativ zu werden? Werden sie ihre
Erbsünde oder ihr Karma haben, haltlos sein, einen permanenten
Kampf gegen das Halteproblem führen und so innerlich
Angetriebene
oder auch Loslassende sein, Abenteurer, die sich dann unserer Kontrolle
in gleicher Weise entziehen, wie Adam und Eva es durch den Apfelschmaus
getan haben? 
Das Halteproblem der Turingmaschine hat ähnlich
tönende Verwandte wie den Gödelschen
Unvollständigkeitssatz, der sagt, dass die Mathematik sich
nicht
selbst begründen kann, oder wie das Messproblem in der
Quantenphysik, wo sich Elementarteilchen nicht mehr kausal verstehen
lassen und sich einer vollständigen Messung entziehen, oder
wie
den Rausschmiss aus dem Paradies, der zu der ganzen wunderbaren
Verwirrung in dieser Welt geführt hat. Lauter Geschichten,
Theorien, Modelle, die unsere Grenzen aufzeigen, die sich
überhaupt mit Grenzen beschäftigen, mit
unlösbaren
Fragen, Aporien, welche die Philosophen schon von alters her anhalten
liessen. Solange wir streng rational sein wollen, laufen wir Gefahr,
daran zu verzweifeln, wie eine Turingmaschine mit ihrem Halteproblem.
Aber mit Hilfe von Geschichten wie den Schöpfungsmythen und
auch
dank Alltagstratsch schaffen wir es, das Halteproblem zumindest
abzuwenden.
Das Halteproblem der Physik ist in der Quantenphysik
beschrieben, die vor über sechzig Jahren die Unbestimmtheit
von
Elementarteilchen beziehungsweise die Unschärfe von
Teilchenwellen
in die klassische, streng rationalistische und deterministische und
also Turingmaschinen-gleiche Physik eingeführt hat, zu der
eigentlich auch die Relativitätstheorie gehört.
Einstein hat
sich lange dagegen gewehrt - «Gott würfelt
nicht» ist
sein bekannter Ausspruch dazu -, vergebens. Der Quantencomputer ist
schon Realität, wenn auch nur als Laboranordnung, die so nur
Kleinstrechnungen ausführen kann. Der Quantencomputer rechnet
mit
drei Zuständen, zwei bestimmten und einem unbestimmten. Teilt
sich
ein Lichtteilchen auf, bleibt es mit dem Zwilling über jeden
beliebigen Raum ohne Zeitverlust verschränkt. Misst man nun
eine
Eigenschaft wie den Spin bei einem Teilchen als positiv, wird das
andere diese Eigenschaft negativ haben. Misst man gar nicht, so wird
der Spin bei beiden unbestimmt sein, und zwar objektiv und nicht weil
der Messende oder eben Nichtmessende es nicht weiss. Durch die drei
Zustände und die nicht zeitgebundene Verschränkung
ergeben
sich erheblich schnellere und raffiniertere Rechenoperationen. Dass
dabei mit Zuständen gerechnet wird, die unbestimmt sind, oder
im
Falle der Betrachtung von Wellen mit Wahrscheinlichkeiten, macht die
Vorrichtung für etwas forsche Forscher wie den Informatiker
Jürgen Schmidhuber zum Kandidaten für eine sogenannte
Gödelmaschine, die jedes Halteproblem überwindet und
hinter
die sogenannte Gödelgrenzlinie zu schauen vermag, indem sie
selbst
die dazu fähige nächste Gödelmaschine baut.
Nun
lässt sich sagen, das Rechnen mit unbestimmten
Zuständen sei
doch Alltag, denn so ist das Leben, wir sind alle Quantencomputer.
Unsere alltägliche makroskopische Unbestimmtheit ist
allerdings
einfach Unwissenheit und fortlaufend überwindbar durch immer
schnellere Rechner, mehr Wissen und bessere Instrumente. Die
Heisenbergsche Unschärfe in der Quantenphysik oder die
Gödelsche Unbestimmbarkeit in der Mathematik sind aber von
prinzipiellerer Natur und lassen sich nicht reduktiv oder rational
überwinden. Man stösst an eine Wand, die unsere
Erkenntnismöglichkeiten eingrenzt auf den Nabel unserer Welt,
hinter dem aber nicht Petrus hockt, sondern etwas, von dem wir nichts
wissen können, weil es hinter unserer Gödelgrenzlinie
liegt.
Zur
Beruhigung empfiehlt es sich, erst einmal mit dem angenehm unbestimmten
Hans Blumenbär Kaffee zu trinken. Will er vielleicht, anstatt
Turingmaschinen zu schaffen, einfach eine Frau suchen zum
Gödeln?
Er meint, nicht alles zu wissen, und möchte eine Frau ins
Kunsthaus einladen, was dafür spricht, dass er keine
Turingmaschine ist. Überhaupt ist er mehr denn je
entschlossen,
Boote zu bauen und nicht mehr Verhandlungen zu führen
über
den Preis seiner virtuellen Turingmaschinen. Ferner ist er
überzeugt, sowieso einmal viel Geld zu verdienen für
die
Frau, die er dann lieben und mit der er ein Haus und ein Boot teilen
wird. Alle zwei Tage hat er ein Blind Date, aber noch war keines
erfolgversprechend. Hans Blumenbär hat auch Angst vor dem
körperlichen Sterben und möchte allein schon deshalb
eine
Frau neben sich liegen wissen, die im Falle eines Aussetzens seiner
Herztätigkeit ihn reanimieren kann.
Der Tod, ein Halteproblem
oder auch eine Gödelgrenzlinie, ist sowohl für den
Menschen
wie für sogenannt künstliches Leben eine Triebfeder,
immer
intelligenter zu werden. Das Bemühen um die Erkenntnis einer
Welt
hinter der eigenen Gödelgrenzlinie problematisiert beinahe
jede
Science Fiction und hüllt dabei eigentlich nur die alten
Mythen in
ein technologisches Gewand. Der Mensch wird auch als Gattung zum
Auslaufmodell. Der Tod ist der Zusammenbruch von Ausdehnung und das
Schrumpfen der Oberfläche. Und wir tun ja allerhand, dieses
hinauszuzögern, die plastische Chirurgie, die ganze
Hautcrème-Industrie, Sport, dauernde Weiterbildung, Kultur,
gemütliches Beisammensein, Meditation, Gebet, Familie, all
dies
lässt den Menschen als Einzel- oder Teilwesen etwas Spannung
oder
Trost und damit Oberfläche behalten.
Die Oberflächen der
heutigen Computer sind ebenfalls wichtige Trostspender. Bilder werden
immer mehr und bald nur noch digital hergestellt und kontrolliert. Wir
wollen mal gar nicht an Filme, Fotos und Spiele denken, allein schon
der Rahmen und das diesen Rahmen produzierende Betriebssystem werden
unser Hirn sicherlich prägen. Die sogenannte Desktop-Umgebung
begleitet viele Menschen den ganzen lieben Tag lang. Die meisten,
über neunzig Prozent, betrachten einen Windows-Bildschirm.
Apple-Betrachter dümpeln um die fünf Prozent herum,
Linux-Betrachter eher unter fünf Prozent.
Wenn man bei Hans
Blumenbär vorbeigeht, serviert er einem fast immer eine Suppe.
Und
irgendwann ist Hans Blumenbär auch zum Vegetarier geworden,
warum,
kann er interessanterweise nicht schlüssig darlegen. Manchmal
sitzen schon andere Menschen in Blumenbärs
Suppenküche. Einer
von ihnen ist Raja. Raja tut gleichzeitig, was Hans Blumenbär
nacheinander tut. Er programmiert, und er baut etwas Ähnliches
wie
Boote, Roboter nämlich, torkelnde, kriechende, zappelnde
Turingmaschinen. Und Raja kennt Miriam. Miriam ist Roboterforscherin,
zwar ist sie nicht Informatikerin, sondern hat Biochemie und auch etwas
Psychologie studiert, aber das Programmieren mit C++ ist für
sie
Alltagsarbeit. Miriam arbeitet mit lauter jungen und netten
Männern zusammen, und wie schon zu erahnen, arbeitet die
einzige
weitere Frau im Sekretariat. Miriam meint, wenn sie dereinst mehrere
Nachfolgerinnen haben solle, müsse man die Mädchen
frühzeitig mit Technik vertraut machen. Sie selbst hatte einen
Vater, der sie darin förderte. Und Miriam dankt es ihm, sie
fühlt sich ganz wohl mit den jungen Männern zusammen.
Allerdings würde sie es auch schätzen, wieder einmal
ein paar
Kommilitoninnen um sich zu haben.
Miriam arbeitet im AILab
(Artificial Intelligence Laboratory) der Universität
Zürich
an einem Projekt, Amouse genannt, das sich mit der Funktion von
Tasthaaren beschäftigt. Dazu werden kleine Roboter mit echten
tierischen Tasthaaren ausgestattet. Die Schwingungen der Haare bei
Hindernisberührungen werden elektronisch verarbeitet und
lassen
den Roboter ein kleines Labyrinth erforschen. Und auch wenn Miriam C++
benützt und gerne an ihren Robotern bastelt, ist sie bei ihrer
Arbeit zu einem grossen Teil auch Biologin und Verhaltensforscherin.
Das Mausprojekt lockt viele Leute an, Journalisten, Fachleute und auch
Schulklassen, bei denen die Buben immer zuvorderst stehen.
Hans
Blumenbär hat in der Zwischenzeit mehrere Damenbekanntschaften
gemacht, die diversen, offen dargelegten und abgesprochenen Zwecken
dienen. Eine läge ihm auch längerfristig sehr am
Herzen, ist
aber von ihrem Terminkalender stark eingenommen. Die Bootsbauer sind
ihm weiterhin wenig hold, kein Platz oder zu weit weg. Er
erwägt
die Lehre ohne Lehrmeister zu machen, was in der Branche aber auch
nicht unbedingt geschätzt wird. Und so programmiert Hans
Blumenbär wieder häufiger und verdient Geld,
für
Nachtessen, Kino, Blumen und Aussteuer.
Die Evolution hat unser
Gehirn hervorgebracht, keine Turingmaschine, sondern ein Ding mit
Geschichte, das sich fortwährend weiterentwickelt wie eine
Gödelmaschine und dauernden Veränderungen der Umwelt
ausgesetzt ist. Darum arbeitet die moderne Forschung in
künstlicher Intelligenz mit Verschaltungen, die dem neuronalen
Netz des Gehirns gleichen, das wechselnde Zustände abbildet,
also
Analogien schafft, hält und verwirft, sowie mit genetischen
Algorithmen oder Programmen, die in evolutiven Prozessen optimale
Lösungen finden. Auf unserem luxuriösen Planeten
wurde so
auch jene Lösung möglich von Gegenständen,
die sich
selber betrachten und deshalb recht eingebildet sind, was ihre
Fähigkeit betrifft, Halteprobleme zu überwinden, aber
ängstlich, es irgendwann nicht mehr zu können.
Blumenbärs
Suppenfreund Raja ist Physiker und treibende Kraft in einem Verein von
Forschern mit dem Namen DDE, einer Art Ateliergemeinschaft, wie unter
Künstlern häufig üblich. Dementsprechend
sieht auch die
Werkstatt in einem alten Backsteingebäude aus, etwas
chaotisch,
Computer, Werkbänke, mechanische und elektronische Teile, ein
Männerhaushalt. Geforscht wird zurzeit an pneumatischen
Elementen,
die ein Stück Intelligenz in sich haben,
Muskeläquivalente.
Dazu werden spezielle Schläuche verwendet, die mit Hilfe von
Pressluft sich zusammenziehen und wieder entspannen können.
Solche
Muskelimitate können in verschiedenen Grössen
kombiniert und
mit Gelenken verbunden werden. Steuern lassen sich derartige nicht
starre Glieder nur mit neuronalem Netz und genetischen Algorithmen, die
lernfähig sind, ihre Bewegungsmöglichkeiten austesten
und
optimieren können. Ausgereift werden sie vielleicht als
Fabrikationsroboter eingesetzt werden und sind auch Teil eines
Forschungsprogramms des AILab, das menschliche
Bewegungsabläufe
erforschen und nachbauen will, was vielleicht in die Konstruktion von
besseren Prothesen münden wird.
Einer von Rajas Geschöpfen
hat hin und wieder Auftritte an Kunstausstellungen. Stumpy ist ein
tanzender Hüpfroboter. Auch im AILab von Miriam hat es Platz
für Gastkünstler, die interaktive Medien, Apparate
und
Roboter schaffen und einsetzen oder Bilder mit Hilfe von genetischen
Algorithmen generieren. Kunst hat sich immer schon mit Wissenschaft
beschäftigt. Und hier scheinen sich Forscher und
Künstler
besonders nah zu kommen. Es geht um unsere eigene Sinnlichkeit.
Hans
Blumenbär ist verliebt, hat aber das typische Halteproblem des
in
der Ungewissheit schwebenden Mannes, der sich fragt, wie er es
anstellen soll, zu einer Entscheidung, besser einer Zusage zu kommen.
Er hat zu viel geschwatzt und hat den Gödelsprung noch nicht
vollzogen. Der arme Kerl hat im Moment alle Hände voll zu tun,
etwas kränkeln, verliebt sein, arbeiten, all die andern Frauen
weiter betreuen, auch mit den Männern zusammenhocken und
Bekanntschaften im Segelklub und bei den Bootsbauern pflegen. Viel
Arbeit für Hans Blumenbär, aber alles gibt sich dabei
die
Hand. So tun sich fast täglich frische Perspektiven auf und
kneten
den neuen Lebensentwurf durch. PDF
Seite 1
2 3 |
©
Die Wochenzeitung; 20.01.2005; Nummer 3; Seite 14 WIRTSCHAFT Mauretanien-Schweiz
· Ob gebrauchte Autos, Kühlschränke oder
Computer:
Für Ibrahim Yahli sind sie eine wichtige Einnahmequelle. Kostbarer
Abfall
Mit
Ibrahim Ould Yahli lässt sich Tee trinken. Mit Ibrahim
lässt
sich auch in einem alten Peugeot-Lieferwagen herumfahren, dem Modell
mit den Schiebetüren, das in älteren
französischen
Filmen gern von Gemüsehändlern und Polizisten benutzt
wird.
So einen Peugeot füllt Ibrahim mit Dingen, die hier abfallen,
am
Strassenrand liegen, auf ihre Entsorgung warten, aus Kellern und
Estrichen hervorgeschleppt werden können und meist immer noch
funktionieren. In Afrika fahren uralte Autos mit CH-Klebern noch Jahre
weiter, verrichten ausrangierte Kühlschränke ihren
Dienst und
werden auch Computer mit einer Taktfrequenz von unter einem Gigahertz
noch eingesetzt. 
Ich stehe, zusammen mit
Ibrahim, in einem
Zürcher Hinterhof und belade den Peugeot mit zwanzig
gebrauchten
Computern, einem alten Kopierapparat und drei schweren
Bürotischen. Auf einer Baustelle liegt eine schon etwas
abgenutzte
Gerüstplane, ein begehrtes Material in Afrika: Daraus
entstehen
Treibhäuser, Verschläge, Windschutzvorrichtungen.
Auch
Garagen sind wahre Goldgruben: Hier finden wir ein paar Reifen mit noch
brauchbarem Profil, dazu dreissig zum Teil fabrikneue Felgen, zerbeulte
Türen und Motorhauben, allerlei Kleinzeug aus dem
Altmetallcontainer und halb volle Batterien. Manche Garagenbesitzer
überlassen uns ihre alte Ware auf der Stelle, andere haben
schon
ihren festen Abnehmer. Bei den Reifen heisst es: alle oder keinen.
Diese Gegenstände, die hier draussen im Regen, in
Abfallcontainern
oder Schuppen auf ihre endgültige Entsorgung warten, werden
später in Mauretanien zusammen ein paar hundert Franken kosten.
Man
kann diesen Handel auch verwerflich finden und sich fragen, ob diese
gebrauchte Ware, das Ende der Verwertungskette, bei uns nicht besser
aufgehoben wäre: sortiert, gefiltert, hochtemperiert verbrannt
und
eingeschmolzen nach bestem ökologischem Wissen. Für
Ibrahim
bedeutet jedoch der Export ausrangierter Ware eine Chance, Geld zu
verdienen und seine Familie zu versorgen.
Ein alter Lieferwagen wie
der Peugeot ist bei den libanesischen Gebrauchtwagenhändlern
in
Oerlikon bei Barbezahlung sofort erhältlich. Bis oben
aufgefüllt mit Sammelgut, die Türen zugeschweisst,
verschiffen diese ihn günstig als fahrenden Kleincontainer
nach
Afrika. Die libanesischen Gebrauchtwarenhändler beherrschen
den
Export alter Autos und kontrollieren die ganze Transportkette vom
Norden in den Süden, von Westen nach Osten, nach Abidjan
genauso
wie nach Bagdad. Gefragt sind hauptsächlich Liefer- und
Lastwagen
zum Auffüllen mit Abfall, der auf der Reise an Wert gewinnt.
Personenwagen sind schon heikler, was ihre Rentabilität
angeht. In
Westafrika etwa sind vor allem Fahrzeuge mit Allradantrieb gefragt, in
Bagdad kauft man dank besseren Strassen gerne mal eine weisse
japanische Limousine - Klimaanlage erwünscht.
Sadik* arbeitet
in Oerlikon. Der Libanese hat grosse Hände und versteht sich
aufs
Technische, aber nicht auf Deutsch oder Englisch oder
Französisch.
Sein Kollege Tarek* dagegen ist schmal und fein, spricht die
nötigen Sprachen und ist winters etwas zu dürftig
angezogen.
Wird es wärmer, taut er auf und lächelt auch mal.
Für
Mohammed Massif, ihren Chef, ist Mauretanien eine neue Destination, die
gepflegt werden muss. Deshalb profitiert Ibrahim von günstigen
Ankäufen.
Auf dem Areal in Oerlikon stehen die ausrangierten
Autos Stossstange an Stossstange, die Durchgänge sind schmal,
ungeniert darf zur Besichtigung eines schwer erreichbaren Wagens
über Kühlerhauben geklettert werden. Werden die alten
Karren,
voll gestopft mit Reifen, Fernsehern, Computern oder gar alten
Teppichen, auf den Transporter nach Antwerpen verladen, bieten sich
einem infernalische Bilder und Töne. Es dröhnt und
kreischt.
Hin und wieder fehlt ein Auspuff, Räder sind abgeknickt,
Reifen
platt. Sadik überbrückt Batterien, schleppt ab. Tarek
spricht
gleichzeitig mit dem Chauffeur, dem Handy und den nigerianischen
Kunden, die ein paar Preisauskünfte wollen. Es gibt auf diesem
Marktplatz keine brav anstehenden Bittsteller. Alle Klienten bringen
ihre Anliegen gleichzeitig an: Der alte Wohnwagen, der als
Büro
dient, quillt über von Handelnden, Schreibenden,
Telefonierenden
und Streitenden, irgendwann wird gelacht.
Neben dem Büro-Wohnwagen steht ein zweiter, in dem eine
Nigerianerin Getränke und afrikanisches Essen verkauft.
Auf
diesem Platz lässt sich einiges Geld verdienen, wenn man ein
Handy
und etwas Kleingeld hat. Man kauft und verkauft. Solcher Handel mit
hübsch assortierten Geldbündeln zieht allerlei Leute
an, auch
Polizisten, von denen Mohammed meint, er kenne inzwischen alle in der
Stadt. Den Streifenwagen aber wollen sie Ibrahim noch nicht verkaufen;
nachdem sie seinen Schweizer Pass kontrolliert haben, lachen sie
immerhin. Doch fündig werden sie schon, nehmen den einen oder
andern mit, Asylbewerber zum Beispiel, denen es nicht erlaubt ist, zu
arbeiten oder zu handeln, die hier aber immer mal eine Gelegenheit
finden, ein Trinkgeld zu verdienen.
Hinter Panzerglas und
Sicherheitsschleusen präsentiert sich das Büro eines
Altmetallverwerters in Altstetten neben neu errichteten
Bürotürmen. Draussen scheppert es, als der Kran alte
Kochherde in den Bahnwagen fallen lässt und daneben
Männer
diversen Alters auf Abfälle warten, die vom grossen Magneten
abfallen, um sich daraus das eine oder andere herauszupicken. Es
lässt sich mit etwas Geduld und Frechheit durchaus eine
Stereoanlage zusammenstellen oder der richtige Wasserhahn fürs
Schrebergartenhaus finden. Im Büro aber gibt es keine
Geschenke,
da geht es um Bargeld, um viel Bargeld.
Auf dem Betriebsareal liegt
ein grosser Haufen Kabel aller Art, eigentlich gedacht zum Einschmelzen
in Italien oder Frankreich. Für Ibrahim ist es jedoch ein
gefragtes Gut. Das Kilo einen Franken, meint der Mann in der
Sicherheitsschleuse des Büros. Einzelne Stücke darf
man sich
gratis nehmen. Also picken wir uns auch was raus und besuchen Mahmout,
den iranischen Pouletbrater, der nicht weit vom Altmetallplatz einen
fahrbaren Essstand betreibt. Hinter dem Stand breitet sich ein
staubiger Platz aus, durchsetzt von Resten einer Kellermauer, einigen
alten, auseinander gefallenen Fernsehern und vor allem mit darauf
abgestellten alten Autos. Zwei davon werden Ibrahim und ich
später
den Libanesen mit Gewinn verkaufen.
Ibrahim wird insgesamt vier
gefüllte Wagen nach Mauretanien schicken, selber nachreisen
und
den Verkaufserlös in einen Laden stecken, wo seine
importierten
Altcomputer repariert, verkauft oder vermietet werden.
Robert Mast
ist Altstoffhändler in Regensdorf und ein prächtiger
Kerl,
das weiss er und setzt es ein. Offen spricht er übers
Geschäft und lässt seinem Hang zur Selbstdarstellung
gern
etwas Leine, dass es allen Spass macht. Ibrahim war von Beginn weg
begeistert von seinem neuen Geschäftspartner, der ihm alles
bietet, was er sich wünscht zu exportieren; alles, was sonst
mühsam zusammengesucht werden muss, präsentiert sich
säuberlich aufgestellt in Roberts Lager: Elektrowaren,
Computer,
Schuhe, Kleider, Fenster, Möbel - alles, was auch
Brockenhäuser zu bieten haben, steht en gros bereit zum
Verkauf an
Afrikaner oder Osteuropäer und das zu einem fairen Preis.
Draussen
dann türmt sich jene Ware, wegen der Ibrahim hergekommen ist:
über 100 000 Altreifen, handsortiert, von häufig noch
guter
Qualität und einem Preis, der endlich auch Ibrahim befriedigt,
wenn er denn einmal so weit sein wird, einige tausend Franken in die
Hand nehmen zu können für den Kauf einer
Containerladung
Altreifen samt Verschiffung und Verzollung. Und vor allem, hier finden
sich auch die passenden Grössen, denn in Afrika will niemand
mit
kleinen Reifen auf ungeteerten Strassen herumkurven.
Mit der
Verschärfung der Exportvorschriften für
Abfälle auf 2005
werden wohl weniger Reifen ein zweites Leben im Ausland finden. Reifen,
die Schweizer Normen nicht entsprechen, dürfen dann nicht mehr
ausgeführt werden. Die Abnehmerstaaten schwanken selber
zwischen
Laisser-faire zugunsten der grossen Masse ihrer Bevölkerungen
-
die damit billige Occasionsware erhalten - und gesetzlichen
Restriktionen.
Es ist nahezu unmöglich, die vollen Lieferwagen
unversehrt nach Mauretanien zu bringen. Schon vor dem Ausladen in
Nouakchott in Mauretanien sind die Fenster von zwei Fahrerkabinen
eingeschlagen, das kurz vor Abreise noch vorne eingeladene
Faxgerät ist verschwunden, ein wichtiges Ersatzteil im
Handschuhfach ebenfalls. Die Lieferwagen werden alle zugeschweisst,
Fenster zugesprayt oder abgedeckt. Die Fahrerkabine allerdings muss
offen bleiben und wird nur mit dem Schlüssel abgeschlossen.
Die
nigerianischen Händler montieren zumindest bei den Jeeps und
Mercedes auch die Lichter und Rückspiegel ab. Seinen eigenen
Landsleuten traut Ibrahim solches nicht zu, eher den Matrosen auf dem
Schiff. In der Hauptstadt hätten die Händler noch vor
wenigen
Jahren ihre Läden nie abgeschlossen, erzählt er.
*Name geändert Wie es weiterging, wird hier
erzählt. | ©
Neue Zürcher Zeitung;
13.06.2005; Nummer 135; Seite 33 Zürcher
Kultur Philipp
IV. und der Brandstifter
Der
Brandanschlag im Kunsthaus vor zwanzig Jahren Vor
genau zwanzig Jahren wurde im Kunsthaus Zürich ein
Brandanschlag
auf Rubens' Bildnis des Königs Philipp IV. von Spanien
verübt. Der Brandstifter, ein junger Mann aus Deutschland,
wurde
aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens nicht verurteilt, obwohl er
mit seiner Verzweiflungstat hoffte, ins Gefängnis zu kommen.
Der
Autor des folgenden Artikels hat ihn zwanzig Jahre nach der Tat in
München besucht. Im Juni 1985
wandert ein junger Mann von
19
Jahren im Zürcher Kunsthaus von einem Gemälde zum
nächsten. Vom Leben enttäuscht, sucht er ein Bild. In
einer
kleinen, wenig frequentierten Ausstellungskammer findet er dieses Bild.
Es ist das Bildnis des spanischen Königs Philipp IV. im Alter
von
23 Jahren von Peter Paul Rubens. Ein trauriger und unschöner
Kopf
mit Flaumbart sitzt auf einer Golilla, einem tellerartigen Halskragen,
der ein prächtiges, dunkles Gewand abschliesst. Der junge Mann
bespritzt das Bild mit Brandbeschleuniger und zündet es an. Es
verbrennt vollständig. 
Der unglückliche König . . .
Als
der Feueralarm irgendwann abgestellt wird und die Besucher im Kunsthaus
immer weniger werden, begibt sich der Brandstifter zum Ausgang und
stellt sich der Polizei in der Hoffnung, wegen
Sachbeschädigung zu
einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Damit will er
seiner
Sinnsuche und dem Zweifeln am Leben ein Ende machen oder zumindest eine
feste Fassung geben. Dafür ist er aus Deutschland in die
Schweiz
gekommen. In seiner Heimat ist es ihm nicht gelungen, sich das Leben zu
nehmen, und er hat es auch nicht fertiggebracht, ins Gefängnis
zu
kommen. In Deutschland ist ihm alles zu nah gewesen, die Eltern, die
Freunde, überhaupt das Leben. In Zürich kommt er in
Untersuchungshaft, und zwar länger, als ihm dann lieb ist.
Doch
verurteilt wird er nicht, das lässt das psychiatrische
Gutachten
nicht zu.
Er habe Philipp IV. ausgewählt wegen des geringen
Besucherandranges in diesem Teil des Kunsthauses und auch, um nicht so
sehr die Gefühle der Leute zu verletzen, wie es mit dem
Abfackeln
eines Picassos seiner Einschätzung nach der Fall gewesen
wäre. So erklärte er nach der Tat seine Bildauswahl.
Recht
hatte er wohl damit. Die Reaktionen waren eher allgemeiner Art. Man
bedauerte und verurteilte den Akt der Kunstzerstörung. Das
Bild
selbst bewegte die Gemüter eher wenig, das musste damals
leider
auch Christian Klemm, Konservator des Kunsthauses, feststellen. Er ist
erstaunt, dass sich zum zwanzigsten Jahrestag seiner
Zerstörung
noch jemand daran erinnert. Dabei hatte das Bild durchaus seine
Qualitäten und eine interessante Entstehungsgeschichte.
1628
war Peter Paul Rubens 51 Jahre alt und einer der erfolgreichsten und
angesehensten Maler seiner Zeit, als er in der Funktion eines
Friedensdiplomaten von Antwerpen nach Madrid aufbrach, um einen Frieden
zwischen Spanien und England zu erwirken. Er reiste im Auftrag der
Infantin Isabella, der Tante von Philipp IV. und Regentin der
spanischen Niederlande. Die Verhandlungen waren erfolgreich. Spanien
und England schlossen Frieden. Rubens hatte einen entscheidenden
Beitrag dazu geleistet und während seiner Mission sowohl den
spanischen wie den englischen König porträtiert.
Der
väterliche Rubens fand nach seiner Ankunft am spanischen Hof
bald
das Vertrauen des jungen Königs. Rubens malte als Erstes die
ganze
Königsfamilie, um die Bilder umgehend nach Brüssel
zurückzuschicken, damit die Infantin ihre Verwandten
betrachten
konnte. Unter diesen Bildern befand sich jenes von Philipp IV., das der
junge Mann im Juni 1985 in Brand setzte. Immerhin gibt es vom
Zürcher Prototyp noch drei Serienanfertigungen, die in Madrid
und
Philadelphia hängen. Rubens' Werk jedenfalls sollte Philipp
IV.
dessen ganzes Leben hindurch begleiten. Vor allem die Bilder von
nackten und molligen Damen hatten es ihm in späteren Jahren
angetan. Philipp IV. begann seine Köngislaufbahn mit Elan und
grossen Vorsätzen, deren Realisierung er aber zeitlebens
hinterherhinkte. Die aufstrebenden Grossmächte Frankreich und
England machten Spanien den Platz streitig. Die spanische Inquisition
war der gesellschaftlichen und technischen Innovation hinderlich.
Zentralisierungsbemühungen des königlichen Beraters
Olivares
provozierten Aufstände. Die schlimmste Niederlage musste
Philipp
IV. mit dem Verlust von Portugal einstecken, das sich wieder von
Spanien löste.
Mit 10 Jahren heiratete Philipp IV. das erste,
mit 44 ein zweites Mal. Er hatte 14 Kinder, von denen viele
früh
starben. Wahrscheinlich waren es noch mehr, denn er hatte einige
aussereheliche Affären. Sein Nachfolger Karl II. war als Folge
von
Inzucht geistig zurückgeblieben und der letzte
Habsburgerkönig in Spanien. Über 40 Jahre lang
führte
Philipp IV. mit der Mystikerin Sor Maria de Agreda einen intensiven
Briefwechsel. Er war ein religiöser Mensch. Schwächen
und
Fehler empfand er als persönliche Strafe Gottes. Doch Philipp
IV.
hatte bei den Historikern einen schweren Stand, sie sahen ihn oft nur
als Frauenhelden, Angstgestörten und Depressiven, der Spaniens
Niedergang verantwortete.
. . . und ein Bereuender
357 Jahre nach
seiner Entstehung war das Abbild des unglücklichen
Königs im
Zürcher Kunsthaus ein verkohlter Leinwandfetzen. 5 Millionen
Franken bezahlte die Versicherung. Das Kunsthaus musste in neue
Sicherheitsvorkehrungen investieren. Der Täter lebt heute in
München. Bei einem Besuch öffnet ein sympathischer,
intelligenter und sehr feinsinniger Mann mit einem offenen und
hübschen Gesicht die Türe. Äusserlich ist
keine
Ähnlichkeit mit Philipp IV. zu entdecken, doch wenn beide
etwas
verbindet, dann vielleicht der hohe Anspruch ans Leben.
Zwanzig
Jahre nach dem Anschlag ist der ehemalige Brandstifter nicht besonders
begeistert, diese Episode seines Lebens erneut aufzurollen. Er hat
darunter gelitten, musste Einschränkungen in Ausbildung und
Beruf
in Kauf nehmen, mehrere Jahre durfte er auch nicht in die Schweiz
einreisen, die ihn schon immer angezogen habe als Ort der Ruhe, des
Rückzugs, der Rettung. Und schliesslich findet er es
verwerflich
und stupid, das Bild zerstört zu haben. Damals aber habe ihn
seine
Todessehnsucht und Verzweiflung derart eingenommen, dass er nur noch
durch eine solche Tat einen Ausweg gesehen habe, sagt er.
Mit
Philipp IV. hat er sich nicht beschäftigt, seitdem er als
Letzter
vor dessen Porträt gestanden war. Das ist ihm, der ein
gebildeter
Mensch ist, beinah etwas peinlich. Dass ihn nun einer der vorletzten
Betrachter des verlorenen Bildes aufsucht, wird ihm vielleicht Anlass
sein, mehr darüber erfahren zu wollen, über einen
anderen
Suchenden, der von Geburt an in ein goldenes Gefängnis
gesteckt
wurde, aus dem heraus er uns in jenem Bildnis so traurig angeschaut
hatte. |