Hallo, ich bin Robert Stoff und werde in fünfzig Jahren der reichste Mann der Welt sein. Bis es soweit ist, habe ich noch eine Menge zu tun. Alle, die sich hier einigermassen anständig produzieren, werden von mir dannzumal reich beschenkt werden. Ich bin ein Seelenfänger. 

Bevor ich nun meinen Monolog fortführe, darin versteckt vielleicht die eine oder andere Gescheitheit, aber hoffentlich auch viel dummes Zeug, möchte ich in der oberen Ecke etwas Werbung machen für meine erste gefangene Seele und Grundstock meines zukünftigen Reichtums, den Herrn Heinz Emmenegger.

Kaufen Sie ihm irgendwas ab, ein Buch oder diese Geschichtlein in der Kartonbox. Anderseits hat er das ja nicht wirklich nötig, denn selbstverständlich werde ich ihm bei Bedarf unter die Arme greifen, worauf er aber nicht zählt, was auch wieder richtig ist.

Seele ist dem Geld ähnlich. Es zu fangen ist gefährlich, denn die Menschen wollen glauben, es sei wichtig und beständig und klammern sich daran. Auch dazu hat meine erste gefangene Seele etwas zu erzählen. Denn er hat mich als Figur benutzt in einem Roman, den er Himmelbruch und Engelzwirn nennt.

Er ritt durch die Vorstadt, in der sich Elend und Glanz nahe waren, wo die Neureichen schon bereitstanden, um in die Stadt zu gelangen und ihren Einfluss geltend zu machen, und die Armen mit schönen Hologeschichten stillgehalten wurden, wo alle Wochen wieder ein Massensuizid stattfand, wo eigentlich die meisten Leute nicht mehr in der realen Welt eines Robert Stoffs lebten, sondern in der Welt von Sekten, der Welt diverser Virtualitäten, der Welt auch der Apathie und Abgelöschtheit. In der Vorstadt konnte es einem passieren, dass man vor Hunger starb, obwohl man keinen Hunger mehr spürte, ein virtuelles Essen genügte, das Hirn mochte solche Speisen lieber und wollte nur noch so gefüttert werden.

Der Wahn, der hier geschildert wird, ist unser Schicksal und wir müssen es annehmen. So werden diese Seelen zu mir kommen und mich reich machen. All diese Seelen, dieses Geld, diese Wahnideen fallen dauernd vom Himmel wie Regen, Ich fange nur auf, was die Menschen fortlaufend verlieren. In Zukunft wird man es konsequenter als heute nur  Information nennen. Und Information wird diese Aura von Objektivität verlieren wie auch Seele ihrer Behaglichkeit beraubt wurde und nun so altbacken klingt. Meine erste gefangene Seele beschreibt das in meiner eigenen Zukunft so.

Es ist möglich, dass sich im Schiff ein Inform herum-
treibt, der für all dies verantwortlich ist.

Wenn das keine Seele ist. Und da Geld Information ist, ist Geld auch Seele und entsprechend handelbar. Der Ablasshandel, ja jede Art von kirchlicher Steuer zeigt das ganz deutlich auf. Und wenn die Protestanten das weit von sich weisen, wird ihnen das Wort ihm Munde umgedreht.
Beinahe hätte der Buddhismus es geschafft von Seelenhandel wegzukommen, aber der profane Mensch ist ein Händler und braucht dann halt doch Karma. Seien wir nicht kleinlich in dieser Angelegenheit, es sind Wörter und sie drücken unsere Armseligkeit aus, arme Seelen.

Information ist die Entdeckung und Verwendung von Formen, kleine Haltestellen in der Welt. Jeder Stein ist Billiarden in irgendeiner Währung wert, wir wissen es meistens einfach noch nicht. Wissenschaftler und Rohstoffhändler aber suchen danach. Sie suchen Seelen in jedem Stein und damit sich selbst, endlos. Darüber sollte man nicht lamentieren. Busse fahren und halten, auch wenn die Passagiere wechseln.

Nun wird es Sie sicher interessieren, wie ich denn konkret zum reichsten Mann der Welt werde. Das kann man wiederum nachlesen in diesem Werklein meiner ersten Seele.

Bevor Dr. Robert Stoff Doktor war, hatte er einen kleinen, dicken Umweg gemacht über die Mitgliedschaft in einer gierigen, transzendierenden Sekte und diesem Verein viel Geld eingebracht. Bis ihn seine Intelligenz wieder eingeholt hatte, und er sich vornahm, das gescheffelte Geld doch besser selber zu verwalten. Die Reflexion
über dieses Abenteuer gebar ihn ihm eine tiefe Abscheu gegenüber jedem Sektierertum, kurzum, er gab sich Mühe, Humanist und Aufklärer zu sein.

Mir gefällt das gar nicht und ich streite dieses biographische Detail ab. Ich war bis jetzt nie in einer Sekte und kann es mit den jetzt eben geäusserten Ansichten wohl auch gar nie sein. Diese Passage sollte gestrichen und ersetzt werden. Besser tönt es weiter unten so:

Robert Stoff war ein fabelhafter Ressourcenbeschaffer gewesen. Die Suretrust sicherte ihn ab, beide zusammen schufen ein lebendes Gebilde, das aus der Deköhäsion der Erde und seiner Bewohner
wuchs. Einigen gab es endlich Schatten, andern verstellte es den Weg zum Licht. Die meisten kümmerte es nicht, sie lebten dahin, friedlich oder heimgesucht von allen Plagen, die sich Mensch und Natur so ausdenken. Das Gebilde war in seiner äusserlichen Grösse nie zu vergleichen mit Konzernen früherer Zeiten, aber es war das Grösste seiner Art auf dieser Welt, und hin und wieder sprachen sogar Krillfänger in Nordsibirien über Dr. Robert Stoff, aber nur sel-
ten, sehr selten.


Das passt mir schon eher, auch wenn das alles durchaus unangenehm ist. In solch einer Welt eine Hauptrolle zu spielen ist nicht eben das, was ich mir jetzt gerade wünsche. Allerdings dauert es noch eine Weile, bis es soweit ist und immerhin werde ich so überhaupt ein Rolle spielen, irgendwer sein, von dem sogar Krillfänger sprechen. Einen Krillfänger hat mein Autor übrigens schon getroffen.

Krillfänger

Es handelt sich auch hier um einen offensichtlichen Seelenfänger, ich sage offensichtlich, weil natürlich alles und jeder immerzu Seelen fängt. Der Künstler aber zeigt sie uns, er handelt nicht sofort weiter damit, sondern hält inne, darum benötigt er auch den Mäzen, der dieses unsinnige Anhalten der Seele mit frischen liquiden Seelen bereichert, die irgendwann auch vom Künstler angehalten und verkunstet werden und dann stehen, liegen und hängen im Museum, bis die Zeit sie fortspült. Können Sie sich ein Leben ohne Mona Lisa oder Marilyn Monroe oder David Beckham vorstellen. Durchaus, eben.

Reichsein beutet ja nicht unbedingt auch gescheit sein,  aber immerhin bedeutet es, potentiell über viel Information zu verfügen. Und dieses Halten von Information kann der geschickte Blender als Vermehrungsmittel benutzen. Prominente tun das ganz gern oder lassen es tun von ihren Agenten. Auch ein Autor wie der meine ist durchaus auf  Blendung angewiesen, wie jeder Priester, der Klassiker der Blendung, ein Blender, der dazu sich selbst  blendet. Die Selbstblendung ist dabei geradezu lebensnotwendig. Ohne Blendung könnten wir dieses Leben nicht ertragen und damit diese Blendung aufrechterhalten werden kann, braucht es immerzu neue Information um dem Theater genügend Schwung zu geben. Dieser Informationsfluss umfasst alles Aspekte, auch ganz versteckte, unreflektierte, sozusagen dunkle Materie, die überall ist. Reichtum heisst so nicht, viel Geld besitzen, denn Geld ist nur ephemere Information.

Das Christentum zum Beispiel war ein schwungvolles Theater, da war Raum für neue Personen, neue Interpretationen, gerne auch bösartige, und schliesslich der Weiterentwicklung zu den freien Künsten. Der Islam ist noch immer ein genügsames, spartanisches Theater, das immer das gleiche Stück gleich inszeniert und dessen Zuschauer zunehmend schwanken zwischen dem nachchristlichen Blendwerk und  der hauseigenen Hirnwäsche des Muezzins. Der Ruf des Muezzins verbindet die ganze trockene Kamelzone auf eine durchaus faszinierend konsistente, aber auf Dauer und für einzelne, individueller denkende Menschen wohl nur noch in bedrückender Weise. Buddhisten sind da anpassungsfähiger, Vielgöttergläubige wie Hinduisten haben es ebenfalls einfacher. Und In China und Japan versinkt der westliche Götterglaube im Pazifischen Ozean.

Nun, ich, Robert Stoff, werde sehr viel Geld besitzen, in allen Formen, flüssig, fest, gasförmig. Und leider werde ich der reichste Mann, der Welt sein in einem Moment, da das ganze Theater in sich zusammenfällt. Das ist aus der Distanz betrachtet, nicht so schlimm, es ist ein normaler Vorgang, es ist Sterben, Vergehen. In der Blockbusterliteratur wird  das Sterben der Menschheit oft hochdramatisch als Unfall oder gar Mord durch Katastrophen oder Invasion fremder Wesen dargestellt, doch Sterben verläuft meist undramatisch, ja oft sogar ganz im Einverständnis damit. Wir werden sehen, was der Menschheit da blüht, denn verschwinden werden wir, das steht fest.

Reich werden ist ziemlich einfach. Machen sie aus wenig viel. Es ist abgeschmackt, wenn man damit prahlt, weil es so banal ist. Betrug ist es sowieso, das ist aber nicht aussergewöhnliches, ja genau der Witz des Reichtums und Betrug ist es, was sexy und attraktiv ist, das wollen wir, denn Betrug ist Information und Information formt uns, das wollen wir, Form. Wir wollen in Form sein, wir wollen überhaupt was sein. Diese In Form Setzung sagt uns nichts über die wahren Verhältnisse, sondern über jene, die uns bewegen, die uns weiterbringen. Auch der Wissenschaftler betrügt. Niemand kennt die Wahrheit, sie ist irrelevant, ja sogar schädlich. Wenn wir von Wahrheit reden, reden wir von Zwecken, die wir als besonders edel oder fundamental setzen und den darauf aufsetzenden Betrügereien etwas Halt geben sollen. Man nennt solche Ansichten zynisch, was aber ebenfalls nur ein betrügerisches Manöver ist, genau wie die zynischen Ansicht selber. Wir kommen da nie raus, und das ist ein wunderbarer Trost und also auch Betrug und nicht weiter schlimm. Wir sind einfach immer ein paar Schritte hinter der Wahrheit, sie ist unerreichbar, ein betrügerischer Satz auch der, denn er will mich darüber stellen, doch das werde ich nie sein, auch als Reichster nicht.

Beinahe alles klar? Hoffentlich nicht. Sprechen wir über das Weinen. Das Weinen ist in der Reichtumsbildung ein wesentliches Element. Weinen wird bald zusätzlich kultiviert werden und muss deshalb auch zunehmend in geschäftliche Ueberlegungen einfliessen. Das tönt schlimm, ist aber unvermeidlich. Das Weinen ist uns heilig und "Herrgott" möchte auch der Ungläubige sagen, das Weinen ist doch noch ein schönes, ein menschliches, ein uns eigenes, ein spezielles Ereignis. Das stimmt leider nicht, es ist leider, auch ich bedaure das, so profan wie alle andern Emotionen auch. Ich versichere ihnen, dass ich selbst oft und gerne weine, aber denken sie nur an die Situationen, die sie zum Weinen bringen und sie shen wie steuerbar es ist, ja wie man selbst das Weinen sucht. Filme sind dazu noch immer am besten geeignet, von Menschen gemacht, um Menschen zum Weinen zu bringen. Dann sogenannte reale Beziehungskonflikte, auch dies, gut zu steuern, inszeniert. Kriege, Katastrophen, der Tod von Angehörigen und Freunden, alles vermeidbar, das mag verwegen klingen und auch etwas schamlos, aber  man kann es steuern und also auch verkaufen, denn Freunde können sie vermeiden, auch Verwandte können sie vergessen, ihr eigenes Elend minimieren, Ansprüche reduzieren oder sich gar vorzeitig ein Ende setzen.

Doch das Ende bleibt. Jawohl, der Grund allen Weinens, des traurigen, des heiteren, aller Mischformen, ist gemeinhin die Endlichkeit. Diese Endlichkeit aber, ist von uns gesetzt. Wir bringen sie nicht weg, weil wir sie permanent setzen müssen, weil wir uns immerzu entscheiden müssen und also scheiden, Formen produzieren und nur deshalb leben, anderes gibt es nicht. Wir weinen in Anbetracht bestimmter Formen, einem Rückblick, einer Art gebremster Information. Das Informieren dieses Bremsmomentes nennt man dann gerne Besinnung, also einen Restart, um dann wieder voll Gas zu geben in der Formproduktion. Leider, leider werde auch ich teilnehmen am Ausverkauf unserer Gefühle, um es mal ganz einfachzu sagen, ein Ausverkauf, der gleichzeitig unser Ende sein wird. So wird man reich, indem man Formen beendet, in diesem Fall Lebensformen, die darauf angewiesen sind weinen zu können, nicht immer, nicht jeder, aber immer möglich. Scheisse, gell? Wollen Sie das? Ja.

Mars war rot, staubig und kühl. Kevin mochte das. Kevin sprang leicht und schnell in seinem hübschen Kleid. Eine rote Wolke sank hinter ihm zu Boden. Kevin hörte Gesang, eine Frauenstimme füllte seinen Helm. Kevin sank auf die Knie, schaute über den roten Hori­zont hinaus in den Himmel und zurück auf seine Uhr. Er setzte sich, lehnte sich zurück an einen Stein. Angst kroch ihm aus dem Bauch in die Brust. Kevin musste aufstehen, schaute in den Himmel, Jetzt... es war Vergangenheit, was er sah: Ein heller Lichtpunkt am Horizont zersprang still. Kevin musste weinen, aber keine Träne fiel in den Staub. Ein blauer Planet hatte sich selbst gesprengt. Sein Wasser zerstob in kleinen Eispartikeln, einige würden bei ihm landen, bei Kevin auf Mars.

No 25


Fragt sich, ob es besser ist, arm zu bleiben. Leider nein. Arme weinen nämlich weniger als Reiche. Humbug, Humbug, Humbug. 





 







                                         

                                                                     
                                                                                                                                                          


Saul, mein lieber Sekretär kann sie vielleicht trösten.

 
                                                                                                                                       
 


                                                               

         

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Es tut nicht weh.
                                                                                                                                                                                                                                                                                       

                                                                                                                                                                                                                                                          



                                                                                                                                                                               



Die Welt wird nicht untergehen.


                                                              







                                                                                   
                                                                                                                                                          



Gold glänzt.